Die rauhnächte/The twelve nights (Deutsch)
- Tamalynne Grant
- Dec 19, 2025
- 5 min read
Text von Tamalynne Grant, Dezember 2025
Die Rauhnächte – Ursprung und Bedeutung

Es gibt zwei weit verbreitete Deutungen zum Ursprung des Wortes Rauhnacht - die Rauhnächte.
Eine besagt, dass sich der Begriff vom deutschen Wort „Rauch“ ableitet und sich auf den Brauch des Räucherns von Häusern und Ställen mit Kräutern, häufig mit Weihrauch, während dieser Zeit bezieht.
Eine andere Interpretation führt den Begriff auf das mittelhochdeutsche Wort „rûch“ zurück, das „fellig“, „wild“ oder „haarig“ bedeutet. Aus dieser Perspektive werden die Rauhnächte auch als „Wilde Nächte“ oder „Raue Nächte“ verstanden, symbolisch verbunden mit der Wilden Jagd. Manchmal werden sie auch als „Wolfnächte“ bezeichnet, da man glaubte, dass Wölfe in den harten Winternächten näher an die Höfe herankamen, um Nahrung zu suchen. Im Englischen ist diese Zeit häufig als „The Twelve Nights“ – die Zwölf Nächte bekannt.
Die Zwölf Nächte, oder Rauhnächte, sind tief in vorchristlichen deutschen und österreichischen alpinen Traditionen verwurzelt. Diese Zeit wurde auch als Niemandzeit bezeichnet- eine Zeit, die niemandem gehört.
Warum?
Frühgermanische Kulturen maßen die Zeit in einem lunisolaren Rhythmus, bei dem sowohl Sonne als auch Mond den Jahreslauf bestimmten. Die Monate folgten den Mondzyklen, und selbst das Wort „Monat“ trägt diesen Ursprung in sich, abgeleitet vom Mond und bis heute im modernen Englisch erhalten. Über das Urgermanische und verwandte Sprachformen zeigt sich, wie tief der Mond einst das menschliche Zeitverständnis prägte.
Ein Mondzyklus dauert etwa 29½ Tage, was ein Mondjahr von 354 Tagen ergibt. Ein Sonnenjahr hingegen umfasst 365 Tage. Daraus entsteht eine Differenz von elf Tagen und zwölf Nächten – eine liminale Lücke zwischen Mond- und Sonnenzeit. Diese Zeit galt als außerhalb der Ordnung und gab letztlich den Rauhnächten ihren besonderen Stellenwert. Man glaubte, dass diese Tage weder den Gesetzen der Sonne noch denen des Mondes folgten, sie galten als Zeit außerhalb der Zeit.
Aus diesem Grund beginne ich meine Rauhnächte in diesem Jahr am 20. Dezember, ausgerichtet am letzten Neumond des Jahres 2025, und beende die zwölf Nächte am 31. Dezember.
Zwischen den Welten
Während dieser Zwischenzeit glaubte man, dass der Schleier zwischen dieser Welt und der Anderswelt dünner werde. Geister, Hexen, Werwölfe, Dämonen, schwarze Hunde, Elfen und Naturwesen sollten frei durch den Himmel ziehen und Unruhe stiften.
In alpinen Traditionen wurde angenommen, dass die Göttin Perchta diese Wesen jagte und aus dem Land vertrieb, ein mythologisches Bild, das eng mit dem später sogenannten Motiv der Wilden Jagd verbunden ist.
In germanischen Traditionen wurde die Wilde Jagd häufig von Wuotan (althochdeutsch) oder Wotan (altsächsisch) angeführt - unterschiedliche Namen für dieselbe Gottheit, die in der nordischen Tradition als Odin bekannt ist. Als Gott des Todes, der Weisheit, der Magie und der Zwischenräume herrschte er über Schwellen: zwischen Welten, Jahreszeiten und Seinszuständen.
So furchteinflößend diese Wesen auch erschienen, galten sie zugleich als Sinnbilder für Transformation und Erneuerung der Natur.
Die Bedeutung der Rauhnächte
Die Rauhnächte laden uns ein, unsere feinen Sinne in der Dunkelheit zu schärfen und Einblicke in das zu gewinnen, was jenseits des Sichtbaren liegt. Sie gelten als kraftvolle Zeit für Rückschau, Weissagung und Vorbereitung auf das kommende Jahr.
Es ist eine Zeit der Gegensätze: Vergangenheit und Zukunft, Licht und Dunkelheit – nicht als Gegensätze, sondern als Kräfte, die nebeneinander bestehen und einander bedingen. Die Zwölf Nächte können düster, unruhig und sogar gefährlich erscheinen, doch zugleich sind sie reich an Möglichkeiten. Sie laden dazu ein, sich zurückzuziehen, Stille zu finden und sich wieder mit den tieferen Strömungen des Daseins zu verbinden. Indem wir Licht und Schatten, Geburt und Tod, äußere Feier und innere Einkehr ehren, erinnern wir uns daran, dass Ganzheit nur entsteht, wenn wir beide Pole unseres Seins annehmen.
Was man während der Rauhnächte vermeiden sollte
Keine Wäsche draußen aufhängen!
Man glaubte, dass sich die Wesen der Wilden Jagd in aufgehängter Wäsche verfangen könnten. Dies sollte sie erzürnen und Unheil, Unruhe oder Missgeschick ins Haus bringen.
Streit und Konflikte vermeiden!
Auseinandersetzungen galten als Einladung für ruhelose Geister, die sich von starken Emotionen nähren und innere Klarheit stören. Harmonie wurde als essenziell für Schutz und persönliches Wachstum angesehen.
Laute Geräusche und schwere Arbeit meiden!
Körperlich harte Arbeit und unnötiger Lärm galten als Störung der heiligen Stille der Rauhnächte, welche für Erkenntnis, Ruhe und Erneuerung notwendig ist.
Was man während der Rauhnächte tun kann
Räuchern / Rauchrituale
Das Verbrennen von Kräutern, die traditionell von germanischen und keltischen Kulturen während der Rauhnächte verwendet wurden: wie Weihrauch, Wacholder, Beifuß oder Salbei – diente der Reinigung des Hauses, dem Schutz vor schädlichen Energien und der Abwehr von Flüchen. Der Rauch fungierte zugleich als Opfergabe und als Grenze: Er zeigte an, was eintreten durfte und was draußen bleiben sollte.
Divination & Journaling
Jede der zwölf Nächte wird traditionell einem Monat des kommenden Jahres zugeordnet. Durch tägliche Orakel- oder Schreibpraxis lassen sich Einblicke in die Energien, Herausforderungen und Themen gewinnen, die das neue Jahr prägen werden.
Beispiel:
Dezember = 1. Rauhnacht = Januar 2026
Dezember = 2. Rauhnacht = Februar 2026
und so weiter.
Während der Rauhnächte arbeite ich ausschließlich mit Runen und Ogham zur Weissagung. Diese Systeme spiegeln die Art wider, wie unsere Vorfahren Rat suchten, verwurzelt in Land, Linie und mündlicher Überlieferung. Anstatt moderne Werkzeuge zu vermischen, ehrt diese Praxis den ursprünglichen kulturellen Kontext der Zwölf Nächte.
Opfergaben darbringen
Der Ursprung des Weihnachtsmannes lässt sich auf den nordischen Gott Odin zurückführen.
Während der Rauhnächte war es in bestimmten Regionen Bayerns Brauch, Bier, Brot und Milch bereitzustellen, sowohl um Odin wohlzustimmen als auch um sich die Gunst der Wilden Jagd zu sichern. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich auch der spätere Brauch, dem Weihnachtsmann Milch und Kekse hinzustellen.
Odin galt als ein furchteinflößender Gott, zugleich jedoch auch als wohlwollend und großzügig. Man glaubte, dass er jenen, die er begünstigte, Gaben und Schutz gewährte.
Die Dreizehn Wünsche
Diese Praxis wurde mir von einer lieben österreichischen Freundin, Katharina Gerlich, nahegebracht, die erzählte, dass dies ein Brauch während der Rauhnächte sei. Seitdem habe ich ihn in meine eigene Praxis integriert.
Schreibe auf dreizehn kleine Zettel alle Wünsche oder Ziele, die du im kommenden Jahr erreichen möchtest. Falte sie und lege sie in eine Schale.
Während der Zwölf Nächte ziehst du, ohne hinzusehen, jeden Abend einen Zettel und verbrennst ihn. Durch das Verbrennen übergibst du diesen Wunsch dem Universum und vertraust darauf, dass er sich entfalten darf.
Am dreizehnten Tag (1. Januar 2026) bleibt ein Wunsch übrig. Dieser ist für dich bestimmt: Er zeigt dir, wofür du im kommenden Jahr bewusst Verantwortung übernehmen und aktiv handeln darfst, während sich um die anderen Wünsche auf ihre eigene Weise gekümmert wird.
Quellen & Danksagung
Dieser Beitrag basiert auf einer Kombination aus historischer Forschung, volkskundlicher Überlieferung und linienbasierter spiritueller Praxis. Zu den verwendeten Quellen zählen deutschsprachige Materialien zu alpinen Rauhnächte-Bräuchen, akademische sowie moderne heidnische Forschung zu germanischen Kalendersystemen sowie persönliche Studien mythologischer Texte.
Ausgewählte Quellen:
Aldsidu – The Historical Heathen Holidays and Calendarhttps://www.aldsidu.com/post/the-historical-heathen-holidays-and-calendar
Akademische und mythologische Texte zu germanischen und nordischen Traditionen (persönliche Bibliothek)
Buch:
Kirschgruber, Valentin. Das Wunder der Rauhnächte.Kailash Verlag, 2013.
Praxis & Linie
Mein Zugang zu Seiðr, Divination und ahnenbezogener Praxis wurde maßgeblich durch meine Ausbildung bei Xiomara Crystal geprägt, bei der ich meine Seiðr-Ausbildung abgeschlossen habe und bei der ich mich derzeit in der Northern Priestess Training befinde. Dieses linienbasierte Lernen ist zentral für mein Bestreben nach Authentizität sowie für das bewusste Vermeiden moderner, christianisierter oder trendgetriebener Neuinterpretationen ahnenbezogener Traditionen.
Instagram: @xiomaracrystal


Thanks so much dear Tammy !! Wann bietest Du denn deine erste Rauhnachtsbegleitung nach Seidr Tradition an ? Hab eine ganz wundervolle Zeit der Rauhnächte! Hugs and kisses to you 🥰😊Lars